Åsa Larsson - Der schwarze Steg

Rebeckas Gespür für Kiruna

Rezension zu „Der schwarze Steg“ von Ulrike Künnecke

Åsa Larssons Kriminalromane spielen im »höchsten« Norden. Kiruna ist eine kleine schwedische Stadt 300 km nördlich des Polarkreises. Im Sommer wird es nicht dunkel, im Winter nicht hell, und die Temperaturen liegen schon mal bei 40 Grad minus. Åsa Larsson kommt aus Kiruna, und auch wenn sie inzwischen mit ihrer Familie in der Nähe von Stockholm lebt, spricht aus ihren Romanen eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat.

Auch Rebecka Martinsson, die Protagonistin des dritten Romans von Åsa Larsson, stammt aus Kiruna. Und dies ist nicht die einzige Parallele zwischen den beiden: Ebenso wie die 1964 geborene Schriftstellerin ist auch ihre Hauptfigur von Haus aus Anwältin. In den ersten beiden Büchern Larssons löste Rebecka Kriminalfälle im Milieu nordschwedischer religiöser Fundamentalisten - und bezahlte dafür einen hohen Preis. Seitdem sie in Notwehr drei Menschen getötet hat und Augenzeugin eines grausamen Mordes wurde, ist die junge Frau psychisch sehr angeschlagen. So begegnen wir ihr zu Beginn von Der schwarze Steg in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Doch langsam erholt sich Rebecka und macht sich erneut auf gen Norden, nach Kiruna, um dort im Haus, in dem sie ihre Kindheit verbrachte, ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Eine Leiche auf Eis

Im beschaulichen Kiruna wird die Leiche einer Frau gefunden. Eine teuer gekleidete unbekannte Schöne, starr gefroren, in einer Fischerhütte auf dem vereisten See. Schon bald ist auch Rebecka wieder an den Ermittlungen beteiligt. Gemeinsam mit den bereits aus Sonnensturm und Weiße Nacht bekannten Kommissaren Anna-Maria Mella und Sven-Erik Stålnacke macht sie sich daran, den Fall zu lösen. Die Spur der Toten führt zu einer weltweit agierenden Grubengesellschaft, für die die brutal ermordete Inna Wattrang als leitende Angestellte tätig war. Deren Begründer hatte sich aus sozial schwachen Verhältnissen zum Chef eines Finanzimperiums hochgearbeitet – mit Hilfe der aus verarmtem Adel stammenden Geschwister Inna und Diddi. Deren Charme und gesellschaftliche Stellung öffneten ihm einst die Türen für die Finanzierung seiner riskanten Projekte.

»Die Zeit geht in beide Richtungen«

Ist Der schwarze Steg also ein Wirtschaftskrimi? Ja und nein. Auch wenn die Ermittler in der global verflochtenen Hochfinanz unterwegs sind, so bleiben doch vor allem die Personen, ihre Gefühlswelt und ihre Beziehungen zueinander im Mittelpunkt des Interesses. Lange Einschübe entführen den Leser aus dem gegenwärtigen Geschehen immer wieder in vergangene Zeiten. »Die Zeit geht in beide Richtungen«, lässt Larsson die kleine Schwester Ester des Unternehmers Kallis sagen. Die Geschichte von Ester, dieser mit seherischen Fähigkeiten begabten Waisen, nimmt viel Raum ein in diesem Roman. Durch die ausführliche Schilderung ihrer Kindheit bei samischen Pflegeeltern und der von geheimen Ahnungen und Bildern bevölkerten Innenwelt des Mädchens scheint der Zauber nordischer Mystik über das ganze Geschehen zu strahlen.

Wie ein langer Nachmittag unter Frauen

Eine große Stärke der Autorin sind ganz sicher die Beschreibungen emotionaler Zustände. Die Sprache ist karg, die Sätze sind kurz; und dennoch wird alles gesagt, was es über das Gefühlsleben der Protagonisten zu sagen gibt. Fast könnte man sich fragen, was die lange Geschichte der mit besonderen Gaben ausgestatteten Ester mit dem Fortgang des Kriminalromans zu tun hat. Aber nur fast! Denn diese ist wie andere der zahlreichen Geschichten in der Geschichte in sich so stimmig und schön erzählt, dass man Åsa Larsson gerne auch auf ihren verschlungenen Pfaden folgt. Ein wenig ist dieser Krimi wie ein langer Nachmittag unter Frauen. Man erzählt von diesem und von jenem, kommt von einem Thema auf das andere. Am Ende aber fügen sich die Puzzleteile zu einem kompletten Bild, das Lust auf mehr macht; Lust darauf, zu lesen, wie es weitergeht mit Rebecka, Anna-Maria und den anderen. Was für ein Glück also, dass die Autorin gleich noch drei weitere Romane mit ihren Protagonisten angekündigt hat!

Ulrike Künnecke
(Literaturtest) Berlin, Juli 2007

 

Die Autorin Åsa Larsson

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